Junge Familien, in die Jahre gekommene Punks und alte Ossis aus Überzeugung: In Friedrichshain funktioniert ein bürgerliches Zusammenleben.
In Friedrichshain vollzog sich ein Wandel: vom biederen Arbeiterviertel zum hippen Szenestadtteil. Kneipen und Kommunikation, Lärm und Leben auf der „Piste“ sind die Werte, die das junge, internationale Publikum, Studenten und Kreative anzieht.
Rückzug der Hausbesetzer
Drei Welten mindestens prallen in Friedrichshain aufeinander und geben den Altbauquartieren um den Boxhagener Platz, die Samariterstraße oder die Sonntagstraße am Ostkreuz ein einzigartiges Gepräge. Da sind die alten Ossis, die sich noch erinnern können, wie früher die Bewohner der verrotteten Altbauten auf dem Hof aufs Klo gehen mussten. Und die mit ein wenig Neid auf diejenigen DDR-Bürger blickten, die in den neuen Plattenbauten Richtung Alexanderplatz oder gar in den Arbeiterpalästen an der Karl-Marx-Allee eine Bleibe gefunden hatten. Dann die Reste der Punk- und Hausbesetzerszene, die sich nach der Räumung der Mainzer Straße 1990, der größten Straßenschlacht der jüngeren Berliner Geschichte, in Refugien an der Samariter- oder der Kreutziger Straße zurückgezogen haben und deren Widerstand gegen die Aufwertung des Viertels allmählich erlahmt.
Und schließlich die Zugezogenen, die sich zunehmend etablieren und den Stadtteil in einen der kinderreichsten Berlins verwandeln.
Meistens mischen sich diese Friedrichshainer Welten, wie man beim Bummel über den Wochenmarkt oder den sonntäglichen Flohmarkt auf dem Boxhagener Platz sehen kann. An milden Tagen lungern schwarz gewandete Jugendliche mit Hunden demonstrativ vor den Spätkaufkiosken. Mütter bugsieren ihren teuren Kinderwagen an ausgestreckten Beinen vorbei.
Der Volkspark, der dem Stadtteil seinen Namen gab, ist die zweitgrößte innerstädtische Gartenanlage Berlins, ist ein von Kindern wimmelndes Idyll. Zwischen den beiden Hügeln am Teich herrscht ein besonders mildes Mikroklima, die Sonne scheint hier länger zu strahlen als anderswo.
Ausländer lieben Friedrichshain, kaufen sich hier ein – einzelne Wohnungen oder gleich ganze Mietshäuser, die lange so billig zu haben waren wie in anderen Metropolen Dreizimmerappartements.
Obwohl seit einigen Jahren Schritt für Schritt ganze Straßenzüge saniert werden, gibt es in Friedrichshain längst noch keine golden glänzenden Türschilder wie in den durchgestylten Ecken von Prenzlauer Berg. Die aufstrebende Mode- und Musikwelt strahlt zwar vom – politisch umkämpften – Spreeufer in den Stadtteil, aber manch hoffnungsfroher Kreativer ergreift auch wieder die Flucht vor der rauen Wirklichkeit des Berliner Ostens. Inzwischen verbürgerlichen auch die einstmals harten Kämpen aus der linken Szene, wenn sie neben Müttern aus Hessen oder Schwaben für ihre Kinder auf dem Drachenspielplatz an der Schreinerstraße Wasser pumpen und das erste Grau aus dem rot gefärbten Haarschopf ragt. Die wilden Zeiten sind Folklore. Sie leben auf, wenn einmal im Jahr im Hochsommer die Wasserarmee Friedrichshain die üblen Kreuzberger, nördlich der Spree Unterfriedrichshainer genannt, in der traditionellen Gemüseschlacht mit altem Obst, Schaumstoffprügeln und Wasserspritzen von der Oberbaumbrücke vertreibt. Im Jahr 2001 war Friedrichshain mit Kreuzberg zu einem Bezirk zusammengelegt worden; daran erinnert das Spektakel. Es ist gesponsert von einem bekannten privaten Müllentsorger.
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